Think out of the Box! Oder: Warum ihr Artikel wie diesen eigentlich nicht lesen solltet.

Hände hoch, wer fragt sich gerade, was das für ein blöder Titel ist? Ein Artikel darüber, warum man Artikel wie diesen (oder ganze Bücher zu solchen Themen) eigentlich gar nicht lesen sollte? Zugegeben, ein wenig reißerisch formuliert. Vom Gemeinten dahinter sind wir jedoch überzeugt – und würden fast sogar darauf wetten, dass ein paar von euch beim Lesen mit dem Kopf nicken.


Neulich in einem Meeting ist es mir selbst herausgerutscht: “Jetzt lasst uns doch mal out of the Box denken.” Hinterher machte ich nicht nur für mich selbst leicht verlegen und heimlich ein Kreuzchen auf meinem imaginären Bulls**t-Bingo-für-Meetings-Zettel. Ich machte mir auch Gedanken, ob dieser Aufruf überhaupt auf irgendeiner Ebene hilfreich war. Vielleicht sollte ich mir zu dem Thema einen Rat aus dem Internet holen. Googeln kann man ja mal…

Vielleicht hattet ihr selbst ja auch schon mal eines von diesen Motivationsbüchern in der Hand oder seid über einen der unzähligen Artikel in Zeitschriften und Online-Magazinen gestolpert? Die, die einem versprechen, endlich eine Schreibblockade zu überwinden, die kreativste Idee seines Lebens zu entwickeln, in 5 Minuten zur genialen Business-Idee zu gelangen oder in weiteren 15 Minuten einen Business-Plan dafür zu entwickeln, sein Baby ab dem 3. Lebensmonat bereits 8 Stunden am Stück durchschlafen zu lassen oder eben mehr “out of the Box” zu denken. Und so weiter und so fort. Ist klar.

Das Genialste an diesen ganzen Büchern ist meiner Meinung nach ihre Existenz: Es war eine großartige Idee der jeweiligen Autoren, ein Buch darüber zu schreiben, wie man dieses oder jenes erreicht. Den Lesern die Idee zu verkaufen, es lägen zwischen jetzt und der besten Idee der Welt maximal 182 Seiten Erfahrungsbericht und goldene Tipps des Autors. Aber wenn es so wahnsinnig einfach wäre, Ideen zu entwickeln, warum braucht man dann ein Buch dafür? Und warum ist nicht jeder Leser mit seiner brillanten Idee bereits durch die Decke gegangen? Weil es nun mal in Wirklichkeit nicht so leicht ist. Aber weil die Idee, es könnte ein Kinderspiel sein, unfassbar verlockend ist.

Think out of the Box! Oder- Warum ihr Artikel wie diesen eigentlich nicht lesen solltet - 1

Die Geschichte vom rosa Elefanten

Bei mir persönlich verhält sich das in etwa folgendermaßen. Wenn zu mir jemand sagt: “Denk jetzt mal sofort out of the Box”, bin ich vor allem erstmal eines: Blockiert. Ich blockiere mich selbst und meine Gedanken durch den Zwang, jetzt unbedingt auf eine ganz andere Idee kommen zu müssen. Und wie wahrscheinlich ist es dann, dass sie genau jetzt zur Tür herein schaut und “Guckuck, da bin ich!” trompetet? Eben. Es ist ein bisschen so, wie wenn einem jemand sagt: “Denkt jetzt NICHT an einen rosa Elefanten.” Woran denkt ihr? Dachte ich doch.

Ähnlich verhält es sich bei mir mit Motivationsbüchern oder Aufforderungen zur sofortigen Kreativität. Wenn jemand darüber schreibt, dass es in sounsovielen Schritten ganz leicht sei, die Idee seines Lebens zu entwickeln, mit der man glücklich und selbsterfüllt zum Erfolg schreiten kann, dann fühle ich mich – ehrlich gesagt – unter Druck gesetzt, wenn es bei mir nicht klappt. Zuerst klingt alles ganz inspirierend, das Buch/der Artikel ist toll, nur dann will sich beim Ausprobieren der Erfolg nicht einstellen. Und schon meldet sich Rupert (ihr erinnert euch?): “Das liegt bestimmt an dir. Ich wette, alle anderen Leser dieses Buches sind seit der Lektüre auf ganz steilem Erfolgskurs, the sky is the limit und so weiter. Die hatten auch bestimmt mehr Durchhaltevermögen – oder naja, haben es im Gegensatz zu dir einfach richtig gemacht.”

Danke Rupert, das ist nicht gerade hilfreich.

Die erste Druck-Blockade wird Rupert sei Dank also direkt vom nächsten Durchhänger abgelöst: das Selbstbewusstsein rutscht in den Keller. Und dann sitzt man da, einem Rupert gegenüber, der natürlich seinen “Hätt ich dir ja gleich sagen können”-Blick aufgesetzt hat. Man befindet sich in einem so genannten Kreativ-Dilemma, aus dem man erst dann wieder herauskommt, wenn man aufhört, sich selbst dafür fertig zu machen, dass man nicht auf Knopfdruck vor Ideen sprudelt. Denn mal ehrlich, wann habt ihr eure besten Ideen? Doch wahrscheinlich auch in den Momenten, in denen ihr entspannt seid, euch richtig wohl fühlt, im Flow seid (zu dem Thema hat mein Kollege Christian übrigens gerade einen großartigen Artikel geschrieben) euch mit Menschen austauscht, die euch inspirieren und vor allem dann, wenn ihr gerade richtig viel Spaß an irgendetwas habt. So geht es mir zumindest. Aber genau wie mit der Kreativität auf Knopfdruck funktioniert auch das “wieder entspannt sein auf Knopfdruck” nicht so richtig, oder?

 

Perfekt ist das Gegenteil von gut!

Wenn man also gerade im Kreativ-Limbo festsitzt, dann ist es nicht so leicht, dort wieder herauszukommen (oder gibt es zu dem Thema auch ein Buch? “Raus aus dem Kreativ-Tief in 5 einfachen Schritten” oder “Endlich wieder relaxt in 10 Minuten”). Oder doch?

In Filmen ist der erste Schritt oft folgender: Nach einem verzweifelten Tief reicht es dem Protagonisten endgültig und er oder sie nimmt alle vorhandenen motivierenden Selbsthilfebücher und schmeißt sie gesammelt in den Mülleimer, das lustigste Cover gut lesbar ganz oben. Und so symbolisch das in Hollywood auch gemeint sein mag – nicht mehr auf gut gemeinte Ratgeber zu hören, sich nicht weiter von ihnen unter Druck setzen und beeinflussen zu lassen, kann ein richtiger erster Schritt sein. Denn wer zu lange auf der theoretischen Metaebene seines Projekts verbringt und Bücher wälzt, anstatt es einfach mal auszuprobieren, dem fällt es zunehmend schwerer, seine Ideen in die Welt hinauszutragen.

Klar, es gibt Dinge, bei denen kann man nicht einfach mal ausprobieren und gucken, ob es passt – Rechtstexte für einen Online-Shop zum Beispiel. Aber die muss man sich ja glücklicherweise nicht selbst ausdenken, dafür gibt es Experten. Und wenn ich heute einen “Über mich”-Text auf meiner Webseite verfassen will und er mir morgen nicht mehr gefällt, dann ändere ich ihn einfach nochmal, anstatt wochenlang zu warten, überhaupt etwas zu schreiben. Done is better than perfect!

 

Mach was Eigenes!

Einfach mal machen. Das klingt manchmal viel schwieriger als es in Wahrheit ist. Und je mehr man auf einer Aufgabe, einer Herausforderung, einer Änderung herumdenkt, umso größer und gewaltiger kommt sie uns vor und umso unerreichbarer wird sie – in unseren Köpfen. Machen ist meistens gar nicht der schwierigste Teil, sondern das darüber Nachdenken und das Dinge in unseren Gedanken zu riesengroßen, scheinbar unüberwindbaren Hürden aufbauschen. Wir alle kennen doch das Gefühl, wenn wir eine lange aufgeschobene Aufgabe endlich von der Liste haken, dass wir uns erleichtert fühlen und uns beim Gedanken ertappen “Hey, das war ja gar nicht so schwierig. Warum habe ich eigentlich so lange gewartet?!”.

Je mehr wir Dinge einfach machen anstatt uns selbst riesengroße Gedankenhindernisse aufzubauen, desto weniger müssen wir uns übrigens auch mit unseren Ruperts auseinandersetzen. Deren Spezialität sind nämlich genau solche Dilemmas – da haben sie viel Stoff zum ängstlich sein und zum argumentieren. Und für den Fall Rupert hat bestimmt noch keiner ein Motivationsbuch geschrieben. Also, nicht dass wir es euch empfehlen würden…


Was meint ihr? Kennt ihr das, wenn ihr erst zu lange über ein Thema grübelt und euch hinterher fragt, warum eigentlich…? Was sind eure Geheimrezepte, schneller vom Denken zum Machen überzugehen?

Viele Grüße
Svenja